Südamerikas Fußball ist nicht mehr Weltklasse

Kaum Tore, furchtbare Plätze, wenige Zuschauer – die Copa América verläuft bislang enttäuschend. Dahinter steht ein Trend: Südamerikas Fußball droht den Anschluss an die Weltspitze zu verlieren.

Mit seiner Hipster-Brille, der hohen Stirn und den grauen Fäden im Bart sieht Edinaldo Batista Libânio ein bisschen aus wie ein Professor. Als Peru und Uruguay ihr Viertelfinale bei dieser Copa América torlos beendeten und wieder einmal das Elfmeterschießen entscheiden musste, analysierte Batista einigermaßen konsterniert: „Das Niveau dieser Copa ist einfach zu schlecht“. Drei der vier Viertelfinals bei der Südamerika-Meisterschaft endeten 0:0.

„Die Partien sind umkämpft, haben aber keinen spielerischen Glanz. Die Stars enttäuschen“, sagte Batista. Überhaupt seien die Spieler ermattet von der harten Spielzeit in Europa, und anscheinend fehle es auch an der Lust. „Das ist schließlich die dritte Copa América in fünf Jahren.“

Batista war früher selbst Stürmer, ein ziemlich guter sogar. Unter dem Künstlernamen Grafite wurde er 2009 mit dem VfL Wolfsburg Deutscher Meister und Torschützenkönig. Jetzt arbeitet er als Experte und wird von vielen in Brasilien als kluge Stimme geschätzt.

Zwei Tore in vier Viertelfinals

Allein Argentinien gelang es, in seinem Viertelfinale gegen Venezuela Tore zu erzielen (2:0). Der Hackentreffer von Lautaro Martínez (Inter Mailand), Argentiniens Entdeckung des Turniers, war schön und herausgespielt, der andere von Giovani Lo Celso (Betis Sevilla) kam nur durch Mithilfe des venezolanischen Torwarts zustande.

Vier Viertelfinals, 360 Minuten Fußball, an dem einige der besten und treffsichersten Spieler der Welt beteiligt sind – und am Ende fallen zwei Tore. Die übrigen Partien wurden im Elfmeterschießen entschieden – eine Verlängerung gibt es bei der Copa nicht.

Es scheint sich zu bestätigen, was sich schon länger im Weltfußball abzeichnet. Südamerika, das immerhin zusammen mit Argentinien, Uruguay und Brasilien neun WM-Titel gesammelt hat, verliert den Anschluss an die Weltspitze, die von europäischen Mannschaften dominiert wird. 2002 war mit Brasilien letztmals ein Team aus Amerika Weltmeister. Bei den darauf folgenden vier WM-Turnieren schaffte es mit Argentinien 2014 nur eine südamerikanische Mannschaft ins Finale.

Das Niveau lässt nach

Und beim aktuellen Turnier bestätigt sich die Voraussage von Juan Antonio Pizzi: Der Trainer, der Chile 2016 zum Copa-América-Sieg führte, warnte vor dem Anpfiff. „Das Niveau des südamerikanischen Fußballs hat sehr nachgelassen.“ Pizzi vermutete, dass keine der Mannschaften das Turnier dominieren werde. Er hat Recht behalten. Alle Mannschaften bis auf Chile und Kolumbien haben bei der Copa gnadenlos schlechte Partien abgeliefert. Jeder scheint jeden schlagen zu können. Oder besser: gegen jeden verlieren zu können.

Pizzi sieht als Hauptgrund die Transferpolitik. Talente verließen zu schnell und zu früh ihre Länder, um in Europa zu spielen. In der Konsequenz verlieren die eigenen Ligen an Klasse, das Interesse der Fans lasse nach und die Identifikation mit der Nationalmannschaft gehe verloren, weil viele Anhänger ihre Nationalspieler nicht mehr kennen. „Davon sind vor allem Argentinien und Brasilien betroffen“, sagte Pizzi.

Lateinamerika nur noch „Rohstoff-Exporteur“

Diese Entfremdung ist auch bei der aktuellen Copa zu sehen, bei der in der Nacht auf Mittwoch Argentinien und Gastgeber Brasilien das erste Halbfinale bestreiten (2.30 Uhr MEZ/Stream: Dazn). Das Eröffnungsspiel Brasiliens gegen Bolivien war nicht annähernd ausverkauft, überhaupt sind die Spiele schlecht besucht. Und spielen die Teams schlecht, wird schnell gepfiffen.

Der bekannte brasilianische Sportjournalist Juca Kfouri sah diese Entwicklung schon bei der WM 2018 in Russland kommen: „Lateinamerika ist keine Fußballmacht mehr, sondern nur noch ein Rohstoff-Exporteur“, schrieb er in einem Beitrag für die „New York Times“. Damals verdienten 2243 Fußballer aus den drei Weltmeister-Ländern Argentinien, Brasilien und Uruguay ihr Geld außerhalb ihrer Heimat.

Hinzu kommt, dass die Stars der Teams wie Lionel Messi (32, Argentinien), Dani Alves (36, Brasilien), Luis Suárez und Edinson Cavani (jeweils 32, Uruguay), Arturo Vidal (32, Chile) oder Paolo Guerrero (35, Peru) alle die 30 Jahre mehr oder minder weit hinter sich gelassen haben. Messi erkannte an, dass er nicht auf der Höhe ist bei diesem Turnier: „Es ist sicher nicht meine beste Copa América“, sagte er nach dem 2:0 gegen Venezuela im Viertelfinale.

Chile spielt seit 2015 mit einer fast unveränderten Mannschaft. Das Team ist in die Jahre gekommen. 2018 verpasste es die WM. Bei dieser Copa aber kann Chile mit einem Sieg gegen Peru im Halbfinale in der Nacht zu Donnerstag (2.30 Uhr MEZ/Stream: Dazn) zum dritten Mal in Serie ins Endspiel einziehen.

„Der Ball hüpft wie ein Hase“

Zur Ehrenrettung der Spieler bei dieser Copa sei erwähnt, dass der Rasen in fast allen Stadien Brasiliens in einem erbärmlichen Zustand ist. Das hilft gerade Dribbelkünstlern wie Messi nicht. „Es ist schwer, auf diesen schlechten Plätzen zu spielen, es ist eine Schande“, ärgert sich der Offensivspieler vom FC Barcelona. „Der Ball hüpft wie ein Hase in alle Richtungen“.

Gegen Brasilien soll der Ball auch mal ins Tor hüpfen. Der südamerikanische Klassiker steigt in Belo Horizonte, dort wo Brasilien im WM-Halbfinale 2014 gegen Deutschland 1:7 unterging. „Das Spiel ist Geschichte, wir schreiben hier und jetzt eine neue“, sagte Brasiliens Trainer Tite am Montag vor dem Spiel. Aus neutraler Zuschauersicht wäre jedes Ergebnis willkommen – Hauptsache es wird nicht langweilig.