Peru: Bizarre Sekte plötzlich im Parlament

Das politisch gebeutelte Peru kommt nicht zur Ruhe: Gegen die letzten vier Staatschefs wurde wegen Korruption ermittelt, Präsident Martin Vizcarra wollte mit einer vorgezogenen Parlamentswahl seine Position stärken. Doch das Resultat ist ein politischer Fleckerlteppich – mit einer sektenähnlichen Gruppierung als drittstärkster Kraft. Mit dem Erfolg der von einem selbst ernannten „Messias“ gegründeten Gruppe hatte niemand gerechnet – sie selbst auch nicht.

Die Landwirtschaftliche Volksfront Perus (Frente Popular Agricola del Peru, FREPAP) eroberte bei der Wahl vergangene Woche mehr als acht Prozent der Stimmen. Mit 15 Mandaten im 130-köpfigen Parlament liegt sie gleichauf mit der Fuerza Popular, der rechtspopulistischen Partei von Keiko Fujimori, der Tochter des ehemaligen autoritären Präsidenten Alberto Fujimori. Nur zwei Parteien haben mehr Sitze im Parlament.

Hinter der FREPAP steckt die 1968 gegründete Sekte „Evangelische Vereinigung der Israelitischen Mission des Neuen Universalen Bundes“. An die Erscheinung der Mitglieder der „Los Israelitas“ ist man in Peru schon lange gewohnt: Die Männer tragen lange Haare und Bärte und biblisch anmutende Gewänder, die Frauen bunte Kopftücher.

Wahlen eigentlich Marketingaktionen

Religionsgründer Ezequiel Ataucusi hatte bereits 1989 auch die Partei gegründet, das Antreten bei diversen Wahlen diente aber vor allem als Marketingaktion für die religiöse Gruppe. Immerhin war man von 1992 bis 2001 mit ein bis zwei Abgeordneten im Kongress vertreten. Wie viele Mitglieder der Sekte angehören, darüber gehen die Angaben auseinander. Zwischen 60.000 und 200.000 wurde in den 1990er Jahren geschätzt, die Gruppe selbst sprach von mehreren 100.000 Anhängern.

Als Guru Ataucusi 2000 starb, war eigentlich damit gerechnet worden, dass auch seine politische Bewegung Geschichte sei. Im Rennen um die Nachfolge stach Sohn Jonas, früher Taxifahrer, seinen Bruder Juan Noe aus, führte die Bewegung weiter – und landete den völlig überraschenden Wahlerfolg.

Arme Bevölkerungsschichten als Zielgruppe

Erfolgreich war die Partei bei all jenen, die sie auch als Sekte ansprechen: die Ärmsten in den Städten, vor allem aber auch die verarmte Landbevölkerung. Auch im Wahlkampf hatte sie niemand auf dem Radar, anders als andere Gruppen verbreiteten sie Wahlwerbung vor allem durch Mundpropaganda. Mit ihrem Antikorruptionskurs konnten sie vor allem in den Städten als Protestpartei punkten. Ansonsten hatte sich die Partei vor allem die Stärkung des ländlichen Raums und der Landwirtschaft auf die Fahnen geheftet.

Kritische Fragen

Wofür sie sich im Parlament einsetzen, scheint aber niemandem ganz klar – auch den Abgeordneten nicht. Der Neo-Parlamentarier Wilmer Cayllahua geriet etwa einigermaßen ins Schwitzen, als er sich diese Woche erstmals Journalistenfragen stellen musste. Wie es die Partei mit der Gleichberechtigung von Männern und Frauen halte, wurde er gefragt, nachdem es in der Sekte doch eine recht strikte Hierarchie gibt. Und wie die Partei zu Homosexuellen stehe, nachdem er davon gesprochen hatte, dass diese „vielleicht das Böse im Herzen tragen“.

Die Partei sei zwar in ihrem Denken konservativ und eng mit der religiösen Lehre verwoben, es gebe aber doch eine klare Trennung zwischen dem Politischen und dem Religiösen, sagte der Anthropologe Carlos Ernesto Raez, der die Sekte wie die Partei genau studiert hat, gegenüber der BBC.

„Christus des Westens“ misslang Wiederauferstehung

Sektengründer Ezequiel Ataucusi, vor seiner Erleuchtung unter anderem Bauarbeiter und Schuhmacher, hatte das Grundgerüst des Glaubens aus Versatzstücken der Evangelikalen, des Alten Testaments sowie Teilen alter Inka-Mythologien zusammengeschustert. Peru bezeichnete er als das „gelobte Land“, sich selbst sah er als „Christus des Westens“.

Das „gelobte Land“ in den Dschungelgebieten, wohin er seine Anhänger führte, erwies sich allerdings als wenig fruchtbar für die Landwirtschaft. Seine Gefolgschaft sah ihm das ebenso nach wie Ermittlungen wegen sexuellen Missbrauchs von minderjährigen Mädchen. Sogar unter Mordverdacht stand er einmal. Mehrmals kandidierte er bei Präsidentschaftswahlen.

Er starb 2000 86-jährig an Nierenversagen und wurde drei Tage in einer Art gläsernem Sarg geschmückt mit allerlei Gold, Edelsteinen und Krone auf dem Kopf aufgebahrt. Zur Überraschung seiner Anhänger gelang ihm nach drei Tagen allerdings nicht die erwartete Wiederauferstehung. Besonders fanatische Gläubige rechnen damit, dass diese nun heuer im Juni, zum 20. Todestag, nachgeholt wird.

Kein Präsident mit sauberer Weste

Der Erfolg der FREPAP illustriert vor allem aber auch die tiefe politische Krise, in der Peru seit Jahrzehnten steckt. Der von 1990 bis 2000 autokratisch regierende Präsident Alberto Fujimori wurde 2007 wegen Korruption und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Seine nächsten vier Nachfolger riss der von Brasilien ausgehende Odebrecht-Korruptionsskandal in den Abgrund. Pedro Pablo Kuczynski (2016–2018) steht unter Hausarrest, sein Vorgänger Ollanta Humala (2011–2016) saß bereits in Untersuchungshaft, gegen Alejandro Toledo (2001–2006) liegt ein Haftbefehl vor, er hat sich in die USA abgesetzt. Alan Garcia (2006–2011) erschoss sich im Vorjahr, um einer Verhaftung zu entgehen.

Blockade gelöst – aber schwierige Mehrheiten

Staatschef Vizcarra hatte die Neuwahl angesetzt, um die Blockade im Parlament gegen seinen Kampf gegen Korruption zu lösen. Zumindest das scheint ihm gelungen: Die Fuerza Popular von Fujimori-Tochter Keiko, die seine Pläne mit ihrer Parlamentsmehrheit immer wieder abgeschmettert hatte, stürzte von 73 Mandaten auf 15 ab. Keiko Fujimori selbst wurde diese Woche nach einigen Monaten in Freiheit wieder in Untersuchungshaft genommen. Auch ihr wird Korruption im Zusammenhang mit Odebrecht vorgeworfen.

Allerdings ist nun unklar, wie im Parlament Mehrheiten zustande kommen können – und Vizcarra kann sich jedenfalls auf keine stützen: Neun Parteien schafften es ins Parlament, vier davon zum ersten Mal, und nur eine, die gemäßigt konservative Accion Popular, schaffte es, knapp mehr als zehn Prozent der Stimmen zu bekommen. Umgekehrt entfiel mehr als ein Viertel der Wählerstimmen auf Parteien, die am Einzug ins Parlament scheiterten.