Pandemie hat Südamerika fest im Griff

Auch in Bolivien ist die Furcht vor dem Virus groß, und man versucht sich zu schützen
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Das Coronavirus hat auch weite Teile Südamerikas fest im Griff. Die Besorgnis wächst, dass das Virus weiter um sich greift. So warnte etwa die Panamerikanische Gesundheitsorganisation (PAHO) vor einer „weiteren Beschleunigung“. Im Fokus liegt derzeit die Entwicklung der Pandemie in Peru, Chile und Brasilien.

Die Lage sei alarmierend, hieß es am Dienstag von der Organisation, die als Regionalbüro der Weltgesundheitsorganisation (WHO) fungiert, weiter. Die Zahl der täglichen Neuinfektionen liegt höher als in Europa oder den USA. Lateinamerika habe sich „ohne Zweifel“ zu einem Epizentrum der CoV-Pandemie entwickelt, erklärte die PAHO. Insbesondere die Lage in Brasilien sei alarmierend, da die wöchentliche Zunahme der Coronavirus-Infektionen in der vergangenen Woche den höchsten Stand seit Beginn der Pandemie erreicht habe.

PAHO-Chefin Carissa Etienne rief die südamerikanischen Länder auf, im Kampf gegen das Coronavirus nicht nachzulassen. Für die meisten Staaten sei jetzt „nicht die Zeit, die Beschränkungen zu lockern oder Präventivmaßnahmen zu reduzieren“. Bereits zuvor hatte die WHO selbst Nord- und Südamerika als das neue Zentrum der Coronavirus-Pandemie bezeichnet.

Extreme Armut wird stark steigen

Die CoV-Krise wird für einen gewaltigen Anstieg der Armut in Lateinamerika sorgen, wie aus einem Bericht der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL) von voriger Woche hervorgeht. Die Armutsrate werde demnach um 4,4 Prozentpunkte und die Zahl der Armen von 186 Millionen (2019) auf knapp 215 Millionen ansteigen, berichtete jüngst die Internetplattform Amerika21.de.

Die extreme Armut werde um 2,5 Prozentpunkte von elf auf 13,5 Prozent zunehmen. Das entspricht einem Anstieg um rund 16 Millionen Menschen. Im laufenden Jahr könnte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Lateinamerikas durch die von der Covid-19-Pandemie ausgelöste Krise um 5,3 Prozent zurückgehen.

Erheblicher wirtschaftlicher Schaden

„Die Auswirkungen von Covid-19 werden die größte Rezession hervorrufen, die die Region seit 1914 und 1930 erlebt hat. Es wird ein starker Anstieg der Arbeitslosigkeit erwartet, mit schwerwiegenden Folgen für Armut und Ungleichheit“, sagte Alicia Barcena, Cepal-Exekutivsekretärin, bei der Vorstellung des Berichts „Die Bewertung der Auswirkungen von Covid-19 und Überlegungen zur Reaktivierung“. Zudem entsteht der gesamten Region auch durch den Rückgang der Rohstoffpreise erheblicher wirtschaftlicher Schaden.

Perus Regierung übt sich in Zweckoptimismus

Peru gilt neben Brasilien als Coronavirus-Hotspot in Südamerika. Fast 130.000 Menschen wurden laut Zahlen der Johns-Hopkins-Universität von Mittwochmittag mit dem Virus bereits infiziert. Rund 3.800 Menschen starben daran. Nach Brasilien ist es das Land mit den meisten Infektionen auf dem Kontinent. Unter Berücksichtigung der Einwohnerzahl von 33 Millionen im Vergleich zu den 210 Millionen Brasiliens ist die Lage in Peru allerdings sogar prekärer.

Die Regierung gibt sich hingegen trotz vieler Neuerkrankungen optimistisch. Präsident Martin Vizcarra sagte auf einer Pressekonferenz, er erwarte einen langsamen Rückgang der Neuinfektionen. Am Montag öffneten in Peru erste Wirtschaftszweige wieder. So können dort Friseure jetzt wieder Hausbesuche machen, nachdem sie mehr als 70 Tage lang nicht arbeiten durften.

Krankenhäuser in Chile „am Limit“

Die argentinische Regierung hat indes die Ausgangsbeschränkungen erst kürzlich verlängert. Präsident Alberto Fernandez begründete die Maßnahme am Wochenende damit, dass das Virus im Großraum Buenos Aires noch zirkuliere. In den zwei Wochen davor habe es sich vor allem in den ärmlichen Vierteln der Hauptstadt ausgebreitet. In Buenos Aires und dem angrenzenden Ballungsraum lebt rund ein Drittel der argentinischen Bevölkerung. Auch 87,5 Prozent der Coronavirus-Infektionen wurden dort registriert. Insgesamt wurden laut der Johns-Hopkins-Universität bisher knapp über 13.000 Menschen infiziert, rund 500 Menschen starben daran, wie die Zahlen von Mittwochmittag zeigen.

In Chile sieht es dramatischer aus: Fast 78.000 Menschen wurden infiziert, knapp über 800 starben bereits an dem Virus, wie die Zahlen der US-Universität zeigen. Angesichts der starken Zunahme von Coronavirus-Infektionen geraten die Krankenhäuser in Chile an ihre Grenzen. „Wir sind sehr nah am Limit, weil wir einen großen Anstieg hatten“, sagte Präsident Sebastian Pinera der chilenischen Zeitung „La Tercera“ zufolge bei der Einweihung einer provisorischen Klinik in Santiago de Chile am Sonntag. Die Zahl der Coronavirus-Infizierten in dem südamerikanischen Land stieg in den vergangenen Tagen stark. Der Großraum Santiago, in dem etwa acht Millionen Menschen – gut 40 Prozent der Gesamtbevölkerung Chiles – leben, steht unter Quarantäne.

Hohe Dunkelziffer auch in Mexiko

Der mexikanische Präsident Andres Manuel Lepez Obrador warnte, dass die durch die Pandemie ausgelöste Wirtschaftskrise 2020 eine Million Arbeitsplätze in Mexiko kosten könnte. Zuvor war er kritisiert worden, die Pandemie nicht ernst genug zu nehmen. Er bereiste noch im März das Land in Linienflugzeugen und badete in Menschenmengen, als fast alle anderen Länder der Region bereits Coronavirus-Maßnahmen ergriffen hatten.

Auch in Mexiko dürfte, wie auch in anderen lateinamerikanischen Ländern, die Zahl der Todesfälle höher liegen als offiziell angegeben. Das berichteten Anfang Mai die US-Zeitungen „New York Times“ und „Wall Street Journal“ auf Grundlage jeweils eigener Nachforschungen. Offiziell gab es per Mittwochmittag fast 75.000 Infektionsfälle, rund 8.150 starben.

Angespannte Lage in Brasilien

Brasilien ist den amtlichen Zahlen zufolge nach den USA inzwischen das weltweit am stärksten von der Viruskrise betroffene Land. Laut Johns-Hopkins-Universität lag mit Mittwochmittag die Zahl der Infizierten bei fast 392.000, die Zahl der Toten bei fast 25.000. Allerdings gehen Experten auch hier von einer hohen Dunkelziffer aus. Die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas konnte seine Tests bisher nur langsam steigern. Der ultrarechte Präsident Jair Bolsonaro gibt sich indes optimistisch.

Bolsonaro steht wegen seines laxen Vorgehens gegen die Virusausbreitung unter Beschuss. Im Streit über den Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus hat Bolsonaro bereits zwei Gesundheitsminister – beide Ärzte – innerhalb eines Monats verloren.

Im Clinch mit den USA

Die USA reagierten nun mit Einreisebeschränkungen auf die laufend steigenden CoV-Infektionszahlen in Brasilien. Nicht-US-Bürger und -Bürgerinnen, die in die USA einreisen wollten, dürften davor 14 Tage lang nicht in Brasilien gewesen sein, teilte das Weiße Haus am Sonntag mit. Der Schritt solle helfen, keine zusätzlichen Infektionen in die USA zu bringen.

In Brasilien wird versucht, den Schritt herunterzuspielen und die Gemeinsamkeiten mit den USA hervorzukehren. Das brasilianische Außenministerium nannte den Schritt der USA eine „technische Entscheidung“ im Rahmen der „wichtigen bilateralen Zusammenarbeit“ zur Bekämpfung der Covid-19-Pandemie. Es betonte in dem Zusammenhang US-Spenden in Höhe von 6,5 Millionen Dollar (5,96 Mio. Euro) und das Versprechen des Weißen Hauses, 1.000 Atemschutzgeräte zu liefern.

Magazin: Brasilien wird als „Bedrohung“ wahrgenommen

Das brasilianische Nachrichtenmagazin „Veja“ schrieb am Wochenende, dass die Spatzen von den Dächern gepfiffen hätten, dass die USA trotz der sogenannten guten Beziehungen zwischen Präsident Bolsonaro und dem US-Präsidenten unter großem Druck ständen, ihre Grenzen für Brasilianer zu schließen. Brasilien werde von der Welt nun „als Bedrohung“ wahrgenommen, zitierte „Veja“ den ehemaligen brasilianischen Botschafter in den USA, Rubens Ricupero. Auch Bolsonaros Kuschelkurs gegenüber Trump habe Brasilien daher keinen Schutz geboten.