Corona-Chaos: Ist Brasilien das neue Epizentrum der Pandemie?

Massengrab in Manaus
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Laut Modellrechnungen könnten in Brasilien schon mehr Menschen mit COVID-19 infiziert sein als in den USA. Die Politik ist sich uneins. Aber an wirksamen Strategien scheint niemand interessiert zu sein, sagen Experten.

Seit Montag darf in São Paulo nur noch jedes zweite Auto fahren. Kontrolliert wird das über die Endziffer der Nummernschilder, die an geraden Kalendertagen gerade sein muss und umgekehrt. Die Hoffnung der Stadtverwaltung: Wenn sich weniger Menschen durch die Stadt bewegen, verbreitet sich das Coronavirus langsamer. Vor zwei Monaten hatte Bürgermeister Bruno Covas noch das Gegenteil angeordnet: Die normalerweise gültige Einschränkung, bei der wochentags auf ähnliche Weise jedes fünfte Auto vom Verkehr ausgeschlossen wird, hob er auf, um die öffentlichen Verkehrsmittel zu entlasten.

Das Hin und Her in der größten Stadt des Landes ist ein Sinnbild für Brasiliens Umgang mit der COVID-19-Epidemie, sagt Domingos Alves. Der Dozent der Medizinischen Fakultät Riberão Preto der Universität von São Paulo ist Sprecher der Initiative „COVID-19 Brasil“: „Brasilien hat überhaupt kein Konzept, jeder macht einfach irgendwas.“

Zu wenige Tests, zu niedrige Zahlen

Offiziell sind in Brasilien bisher 13.149 Menschen an COVID-19 gestorben, knapp 189.000 Infektionen waren bestätigt (Stand 13. Mai). Allerdings hat die 40-köpfige Forschergruppe um Domingos Alves anhand wissenschaftlicher Modelle errechnet, dass es in Brasilien mindestens 16-mal so viele Infektionen geben dürfte, als die offiziellen Statistiken ausweisen. Am 9. Mai wären es demnach 2,1 Millionen gewesen, mehr als in den USA also.

Dass die offiziellen Zahlen niedriger als die tatsächlichen sind, hatte schon Mitte April der kurz darauf geschasste Gesundheitsminister Luiz Henrique Mandetta eingeräumt. Brasilien gehört zu den Ländern, in denen weltweit die wenigsten COVID-19-Tests durchgeführt werden. Dazu noch seien die importierten Testkits minderwertig, was ihre Aussagekraft schmälere, berichtet das Nachrichtenportal „The Intercept“, zu dessen Herausgebern Glenn Greenwald gehört. „Die offiziellen Daten betrachten praktisch nur Patienten, die in die Krankenhäuser kommen“, erklärt Medizinwissenschaftler Alves. „Seriöse Aufzeichnungen über die Epidemie gibt es also nicht.“

Leidtragende sind wieder einmal die Armen

Aus Sicht von Präsident Jair Bolsonaro dürfte das ein angemessener Umgang mit der Epidemie sein, er hält COVID-19 bekanntermaßen für „eine kleine Grippe“. Dabei zeichnen selbst die offiziellen Statistiken ein anderes Bild: Am vergangenen Wochenende stieg die Zahl der Todesfälle um mehr als zehn Prozent, um 1131 auf 11.123.

In der Amazonas-Metropole Manaus erklärte Bürgermeister Arthur Virgílio Neto vergangene Woche, es fielen derzeit vier- bis fünfmal so viele Bestattungen an als sonst. Wie viele Städte hat auch Manaus Notkrankenhäuser errichtet. Doch viele Erkrankte suchen offenbar erst gar keine Hilfe in den überfüllten Krankenhäusern. Denn auch die Zahl der Menschen, die zu Hause sterben, ist seit dem ersten Corona-Tod Mitte März gestiegen – brasilienweit um 20 Prozent, im Bundesstaat Amazonas ist sie zweieinhalb Mal so hoch.

Viele Menschen wohnen schlicht zu weit entfernt vom nächsten Krankenhaus. Und das betrifft bei Weitem nicht nur die indigene Bevölkerung, sondern auch Millionen von Brasilianern in ländlichen Gegenden. Umso beunruhigender ist der Befund des Instituts für Epidemiologie Oswaldo Cruz, wonach die Zahl der Infektionen in Gemeinden unter 20.000 Einwohnern zuletzt sprunghaft angestiegen ist.

Politiker verunsichern die Bevölkerung

Obwohl Bolsonaro in der Öffentlichkeit mittlerweile selbst mehrfach einen Mund-Nasen-Schutz getragen hat, wird er nicht müde zu betonen, dass die Folgen eines Shutdowns weit dramatischer seien als das Virus selbst. Viele Parlamentarier und selbst Regierungsmitglieder sehen das mittlerweile anders. Vor allem aber Bürgermeister und Gouverneure beknien die Menschen, nicht auf Bolsonaro zu hören und sich stattdessen an die empfohlenen Ausgangsbeschränkungen zu halten.

Das Resultat sei eine große Verunsicherung in der Bevölkerung, sagt Wissenschaftler Domingos Alves: „Wir haben seit zwei Monaten eine Ausgangsbeschränkung und die Menschen fangen an zu zweifeln“, erklärt er. „Inzwischen halten sich weniger als 50 Prozent der Brasilianer daran.“

Besonders prominent stellt sich João Doria gegen Bolsonaro. Der Gouverneur von São Paulo hatte den Präsidenten im Wahlkampf 2018 noch unterstützt. Nun sagte er der BBC: „Es ist schon erstaunlich, dass wir zwei Viren bekämpfen müssen: das Coronavirus und das Bolsonaro-Virus. Dies ist kein Moment für Politik, dies ist ein Moment, um Menschen zu schützen.“

Allerdings gilt Doria, als Regierungschef des mit Abstand bevölkerungsreichsten und wirtschaftsstärksten Bundesstaats, nahezu automatisch als Kandidat für die nächste Präsidentschaftswahl im Jahr 2022. Auch er dürfte dies im Blick haben, sagt Guilherme Casarões von der renommierten Privatuniversität Fundação Getulio Vargas. Allerdings tue er dies ganz anders als Bolsonaro: „Doria hat sehr entschlossen Maßnahmen zur Kontaktreduzierung eingeführt und sich dabei auf internationale Praktiken und wissenschaftliche Empfehlungen berufen. Damit will er unter den Gouverneuren herausstechen und sich gegen Bolsonaro positionieren.“

Ein „Schein-Dilemma“

Strikte Kontakt- oder Ausgangssperren gab es in São Paulo allerdings bis heute nicht. Bisher haben dies erst einzelne Städte im Nordosten angeordnet, darunter die WM-Städte Fortaleza und Recife. Am Montag zogen Stadtteile von Rio de Janeiro und das benachbarte Niterói nach.

Doch vor allem in den ersten Tagen des Lockdowns waren die lokalen Märkte kaum leerer als sonst. An dieser Stelle könnte Bolsonaro rechthaben, wenn er sagt, dass die Menschen bei einer strikten Ausgangssperre statt an COVID-19 an Hunger sterben würden. Denn weite Teile der Bevölkerung verdienen ihren Lebensunterhalt als Tagelöhner.

In den Augen von Domingos Alves sind das Ausreden: „Das ist ein Schein-Dilemma.“ Beim DOTS-Programm gegen Tuberkulose, erzählt er, habe sich bewährt, dass Mitarbeiter Patienten Medikamente nach Hause bringen, damit sie die Dosen regelmäßig einnehmen. Bedürftige erhalten auch Grundnahrungsmittel, damit sie zuhause bleiben können und niemanden anstecken. Das koste monatlich für zehn Patienten etwa so viel wie, wenn ein Patient einen Tag auf der Intensivstation behandelt wird. Diese Rechnung sollte in etwa auch für COVID-19-Patienten gelten. Alves‘ Vorschlag: „Gebt den Menschen Geld, damit sie zu Hause bleiben können.“