Venezuela: Kleine Geschichte des Petro

Bezahlung per Petro-App im Supermarkt
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Die ganze Welt sprach bei ihrer Einführung über die venezolanische Kryptowährung „Petro“. Was hat sie versprochen, was konnte sie halten?

Der Petro als Problemlöser

Als Antwort auf die bereits seit 2013 anhaltende wirtschaftliche Krise in Venezuela begann die Regierung von Präsident Nicolás Maduro im Februar 2018 offiziell mit dem Verkauf einer eigens geschaffenen Kryptowährung1, des Petro. Damit wollte man einerseits die verschärften wirtschaftlichen Sanktionen der USA umgehen, die der Regierung den Zugang zu internationalem Kapital erschwerten.2 Andererseits versprach man durch die angebliche Kopplung des Petro an den Ölpreis eine wertstabile Alternative zur nationalen Währung, dem Bolívar Fuerte, zu schaffen, welcher zu diesem Zeitpunkt von einer immer stärkeren Inflation geplagt wurde. Seit dem Eröffnungsverkauf wurde viel über den Petro diskutiert und seine Sinnhaftigkeit, gar seine Existenz in Frage gestellt. Durch die sukzessive Erweiterung seiner Funktionen und die Ergänzung verschiedener Verankerungen gingen viele Ökonomen dazu über, von „den Petros“ zu sprechen. Um die Bedeutung und Wirkung des Petro besser einschätzen zu können, soll im Folgenden seine Entwicklung im Kontext der allgemeinen wirtschaftlichen Lage Venezuelas nachgezeichnet werden.

Vorverkauf erhielt angeblich fünf Milliarden US-Dollar Gebote

Ab dem 20. Februar 2018 standen laut Aussagen von Maduro zunächst 38,4 der insgesamt 100 Millionen Petros zum Vorverkauf. In einem zweiten Schub sollten dann alle Petros bis auf einen Rest von 17,6 Millionen in einem Inicial Coin Offering (ICO) verkauft werden. Der Verkaufspreis (abzüglich einiger anfänglicher Rabatte) wurde festgelegt auf 60 US-Dollar, was dem Wert eines venezolanischen Barrels Öl Mitte Januar 2018 entsprach. Als Sicherheit wurden laut offiziellem Whitepaper venezolanische Erdölvorkommen hinterlegt. Damit unterschied sich der Petro von anderen Kryptowährungen. Inwiefern seine Besitzer jedoch tatsächlich an das angeblich hinterlegte Erdöl kommen würden, war im Whitepaper nicht weiter ausgeführt. Deshalb bewerteten verschiedene Krypto-Rating-Sites den Petro von Beginn an als betrügerisch (scam). Doch laut Präsident Maduro sollte allein der Vorverkauf des Petro bis März 2018 Angebote in Höhe von fünf Milliarden US-Dollar empfangen haben. Viele Ungewissheiten und Zweifel an der Echtheit des Petro und der generierten Einnahmen konnten zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht ausgeräumt werden, da weder eine offizielle Auflistung der Käufer, noch Transaktionen nachgewiesen werden konnten. Ungeachtet dieser Diskussionen dekretierte US-Präsident Donald Trump im März 2018 ein Verbot jeglicher Geschäfte mit der Kryptowährung.

Währungsreform gegen die anhaltende Hyperinflation

Trotz der Einführung des Petro verschärfte sich die wirtschaftliche Krise in Venezuela im Jahr 2018 weiter und es kam auf das Jahr gerechnet zu einer Hyperinflation von mehr als einer Million Prozent. Verursacht wurde dies von einer starken Erhöhung der Geldmenge durch die Venezolanische Zentralbank über die Jahre, was aus wirtschaftspolitischer Sicht immer wieder kritisiert wurde. Auch die Liberalisierung des festen Wechselkurssystems und die Abschaffung des betrugsanfälligen Präferenzwechselkurses für ausgewählte Importe blieben ohne nachhaltigen Effekt auf die Inflation: Der vorhergehenden Einführung größerer Geldscheine im Jahr 2017 zum Trotz wurde das Bargeld knapp und unbrauchbar.3 Dadurch breitete sich der US-Dollar als Zahlungsmittel immer weiter aus. Die Regierung reagierte zunächst noch mit einer Währungsreform und Abwertung. Am 20. August 2018 führte sie den Bolívar Soberano (Souveräner Bolívar, VES) im Verhältnis 1 zu 100.000 zum Bolívar Fuerte ein und versprach den VES an den Petro zu koppeln, um der Inflation zu begegnen.

Die vielen Gesichter des Petro

Hier begannen die ersten Widersprüche in der Idee des Petro offen zu Tage zu treten. Denn Präsident Maduro verkündete, den Petro von nun an a) auch als Währungseinheit zur Bepreisung von Waren und Dienstleistungen sowie b) zur Stabilisierung des inflationsgeplagten Mindestlohns zu verwenden. Der Mindestlohn sollte der Vorstellung nach von nun an stabil bleiben und einen halben Petro Wert sein. Die Regierung wollte also der Inflationsspirale begegnen, indem sie versuchte die Größen VES, Petro und Dollar aneinander zu verankern und den Mindestlohn beim besagten halben Petro festzusetzen. Der Ausgangspunkt dieses Verhältnisses im August 2018 war folgendermaßen:

Der Petro war schon vorher von der Regierung auf einen Wert von 60 US-Dollar festgelegt worden. Der Wechselkurs des neuen VES zum Dollar sollte 60:1 betragen. Daraus errechnete sich der neu festgesetzte Mindestlohn: Der Wert des Petro geteilt durch zwei ergab 30 US-Dollar, multipliziert mit dem Wechselkurs des VES zum Dollar (60:1), was 1.800 VES ergab. Die feste Grundlage für die angedachte Umrechnung und Festsetzung der Preise in Petro wurde ebenso festgelegt auf 1:3.600.

Verankerungen lösten sich

Doch der zu Grunde gelegte Wechselkurs des VES zum Dollar von 60:1 hielt sich weder bei den staatlichen Versteigerungen noch auf dem Schwarzmarkt. Bereits Ende November 2018 kostete der Dollar nicht mehr 60 VES, sondern 151 VES bei staatlichen Versteigerungen und 406 VES auf dem Schwarzmarkt. Damit stiegen auch die VES-Preise für die größtenteils in Dollar importierten Konsumgüter. Der Wert des Petro in VES stieg ebenfalls zwangsläufig. Das einzige, was dieser Entwicklung hinterherhinkte, war der Mindestlohn, der ursprünglich mit dem Wechselkurs von VES zum US-Dollar von 60:1 berechnet war und nun rasant an Wert verlor. Ab 1. Dezember wurde der Mindestlohn deshalb auf 4.500 VES angehoben, weitere Schritte sollten folgen.4 Zeitgleich, aber wenig von der Öffentlichkeit beachtet, wurde die festgelegte Umrechnungsgrundlage der Preise in Petro auf 1:9.000 angepasst. Da jedoch der verordnete Dollar-Wert des Petro unberührt blieb, kam dies de facto einer Entwertung des VES gleich und löste die versprochene Kopplung an den Petro auf.

Schleichende Dollarisierung im Hintergrund

Die Inflation gewann nach kurzer Stagnation wieder an Fahrt und schon im Juni 2019 mussten erneut größere VES-Scheine eingeführt werden. Gefangen in dieser Inflations- und Abwertungsspirale sah sich die Regierung zu einem Paradigmenwechsel gezwungen: Nach Jahren der Verschmähung des US-Dollars, bis zur Erwägung seiner Verbannung als Zahlungs- und Rechnungseinheit für internationale Geschäfte Venezuelas, sprach Präsident Maduro nun in einem Fernsehinterview erstmals positiv über eine mögliche Dollarisierung und deren Vorteile für die venezolanische Wirtschaft. Damit gab er indirekt die Stabilisierung des VES auf. Zu diesem Zeitpunkt wurden nach Schätzungen bereits 40 Prozent aller Geschäfte in Venezuela mit der US-Währung getätigt. Doch seit diesen Äußerungen wurden keine Schritte in diese Richtung unternommen.

Der Petro ist real

Entgegen vieler anfänglicher Erwartungen aus der ausländischen Presse und der Opposition ist der Petro eine tatsächliche Kryptowährung, mit der inzwischen laut Venezolanischer Zentralbank (BCV) Millionen realer Geschäfte getätigt wurden. Der Staat garantiert seine Annahme für staatliche Dienstleistungen, Steuererzahlungen etc. Als Ende 2019 ein halber Petro als Weihnachtsgeld an alle Rentner und öffentliche Angestellte ausgeschüttet wurde, kam es zu großen Schlangen. Die Geschäfte, welche den Petro als Zahlungsmittel akzeptierten und das Bezahlsystem der Biopago der BCV benutzten, freuten sich trotz technischer Probleme über gesteigerte Umsätze.

Bleiben Verkäufer auf dem Petro sitzen?

Doch nach dem Aussetzen des Biopago-Systems Anfang Januar 2020 wurde bekannt, dass der Staat die umgesetzten Petros nicht mehr in Bolivar abkaufen würde. Von nun an mussten die Firmen ebenso wie die Bürger versuchen ihre Petros über eine Online-Börse zu verkaufen, um sie in Bolívar umzuwandeln. Die Nachfrage nach Petros war bislang jedoch kaum vorhanden und die Verkäufer fürchteten, auf ihren Petros sitzen zu bleiben.6 Zulieferer und Importeure, die den Großteil der Waren ins Land bringen, und internationale Unternehmen akzeptierten nach wie vor keine Petros. Auch erhoffte Geschäfte mit Erdöl, anderen Rohstoffen oder Schuldentilgungen in Petro, beispielsweise mit Russland oder China, blieben aus. Durch diese ökonomische Ungewissheit erhoben Händler teilweise willkürliche und stark überhöhte Preise in Petro, was der Staat weder kontrollieren noch verhindern konnte und was einen Schatten auf eine mögliche Preisentwicklungen auch in Petro vorauswirft.

Mangelndes Vertrauen der Wirtschaft

Die dritte Option für die Besitzer von Petros ist nun, sie zu sparen, um sie zu einem späteren Zeitpunkt einzutauschen. Die Sinnhaftigkeit dieser Option bleibt ebenso wie alle anderen Funktionen davon abhängig, wie der Petro in Zukunft als Zahlungsmittel akzeptiert und konvertierbar in andere Währungen wird. Solange der Petro lediglich von der Regierung akzeptiert wird und darüber hinaus im In- und Ausland ohne Nachfrage bleibt, ist der Besitz von Petros wenig attraktiv und wird Probleme bei Zirkulation und Akzeptanz aufwerfen. Ein Indiz für das geringe Vertrauen in den Petro war zuletzt die steigende Dollarnachfrage nach der Auszahlung des Weihnachtsgeldes und der kurzzeitigen Geschäfte zum Jahreswechsel 2020. Der Kurs des US-Dollar auf dem Schwarzmarkt verdoppelte sich in wenigen Tagen. Dies geschah vermutlich, weil der Staat die Petro-Umsätze der Händler in VES beglich und so die Geldmenge erhöhte. Die Händler trugen das neu geschaffene Geld sogleich auf den Schwarzmarkt, um US-Dollar zu tauschen und trieben die Nachfrage in die Höhe.

Wirtschaftliche Probleme hinter dem Petro bleiben

An den inneren Problemen der venezolanischen Wirtschaft hat der Petro bislang kaum etwas geändert. Die Versprechen der Regierung, der Inflation der Preise, der Entwertung des Mindestlohnes und der neuen Währung des VES mit dem Petro etwas entgegenzusetzen, wurden bislang nicht eingehalten und stellten sich als reines Wunschdenken heraus. Kritiker bemängelten schon früh, dass die Maßnahmen gegen steigende Preise und Inflation rein kosmetisch bleiben würden, solange nicht ein umfassender Plan zur wirtschaftlichen Erholung aufgestellt werde. Zwar könnte der Petro rein hypothetisch den Zahlungsverkehr in Venezuela bargeldlos machen und die Knappheit an Zahlungsmitteln beenden, doch selbst dann blieben die Ursachen der Inflation unberührt. Darüber hinaus fehlen die Rezepte, die Bereitschaft der Regierung und mit fortschreitender Zeit auch die Mittel für eine grundlegende wirtschaftliche Erholung Venezuelas: Die Schuldentilgungen drücken auf den Haushalt und die Währungsreserven, die US-Sanktionen erschweren neue Schuldenaufnahmen für Investitionen, der Ölsektor fördert trotz kürzlicher Erholung im Vergleich zu 2015 nur noch die Hälfte und es wird öffentlich über eine mögliche teilweise Privatisierung der staatlichen Ölgesellschaft PDVSA spekuliert.

Wird die Regierung ihre Politik ändern?

Die Taktik, unpopuläre wirtschaftliche Anpassungen aus Angst vor Stimmverlusten lange vor sich her zu schieben oder zu unterlassen, hat die Regierung in eine ernste Lage gebracht. Während die wirtschaftliche Situation der Bevölkerung sich dramatisch verschlechterte, wurden die Auslandsschulden zeitgleich weiter bedient. Viele Menschen haben das Land verlassen, die umstrittenen Zahlen reichen von 1,3 bis 3 Millionen geflüchteten Menschen. Seit Beginn der Krise hat die venezolanische Regierung dabei zugesehen, wie sich der Handlungsspielraum für wirksame wirtschaftliche Reformen immer weiter verengt hat. Die Regierung beklagte einen Wirtschaftskrieg, zog politische Erklärungsmuster den ökonomischen vor, traf viele Maßnahmen, die kaum Verbesserung bewirkten und lief den Ereignissen hinterher. Es bleibt abzuwarten, inwieweit die Regierung Willens und in der Lage ist, die wirtschaftliche Lage des Landes im Rahmen ihrer schwindenden Möglichkeiten zu verbessern. Von außen ist eine solche Verbesserung jedenfalls mittelfristig kaum zu erwarten.