Argentinien: Fracking am Ende?

Seit gefrackt wird, werden die Dörfer von Erdbeben erschüttert

Erdbeben im Bauch der „Toten Kuh“ in Patagonien

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Noch herrscht Goldgräberstimmung in Neuquén, in Patagonien. Seit in der Region Vaca Muerta (Tote Kuh) gefrackt wird, gilt die Provinz als das neue El Dorado, das Saudi Arabien Südamerikas. Doch der Schein trügt. Die Firmen entlassen Mitarbeiter und setzen den seit Dezember 2019 amtierenden Präsidenten Alberto Fernández unter Druck. Die Erdöl-Industrie fordert Subventionen und einen höheren Benzinpreis und droht, die Produktion zu drosseln. „Fracking wird überschätzt“, erklärte Fernández überraschend in einem Interview, die konventionelle Ölförderung sei rentabler. Leider sei Argentinien in Vaca Muerta regelrecht verliebt.

Fernández erließ den Firmen in Vaca Muerta einige Steuern. Aber die öffentlichen Kassen sind leer, der IWF ist gerade bei ihm zu Besuch und will das Geld, das er seinem Vorgänger Mauricio Macri geliehen hat, zurück. Woher soll er das Geld nehmen? Dazu kommen massive Umweltprobleme. Denn wo gefrackt wird, bebt die Erde – in einer Region, in der es bislang keine seismischen Aktivitäten gab. Die Brunnensysteme sind in Gefahr, Gas- und Wasserleitungen wurden zerstört, Häuser mussten wegen der zahlreichen Risse im Mauerwerk abgerissen werden.

Es sind nicht die Umweltschützer oder die Mapuche-Indianer, die Fracking stoppen können – sondern die Ökonomen. Die 2011 von der US-Energiebehörde prophezeiten „gigantischen Schieferöl-Vorkommen“ haben sich als maßlose Übertreibung herausgestellt, Übertreibungen die darauf abzielten, Investitionen und Subventionen abzugreifen. Von einer „Blase“ ist die Rede, nach der Blase der dot.com-Industrie und der Immobilienspekulation, jetzt also die Fracking-Blase?

Im Juni 2019 hatte die New York Times das Ende des Booms gemeldet: In den USA haben bereits viele Firmen aus der Branche Bankrott angemeldet. Der Erdöl-Preis ist zu niedrig, die hohen Investitionen zahlen sich nicht aus. Und dabei ist der Preis, der für die Umweltzerstörung gezahlt werden müsste, gar nicht eingerechnet.

Seit gefrackt wird, werden die Dörfer von Erdbeben erschüttert

In Argentinien kämpft nur eine sehr überschaubare Anzahl von Umweltschützern vor Ort und die Mapuche-Indianer dagegen. „Obwohl wir laut Gesetz ein Recht auf Anhörung haben, werden wir nicht einmal informiert, wenn eine Erdölfirma unser Land besetzt“, so Jorge Nahuel, Koordinator der Mapuche Konföderation. „Heute sind Erdbeben Alltag“, sagt Hernán Scandizzo von der Beobachtungsstelle Erdölfragen im Süden, „die Regierung von Neuquén wie die (nationale Erdölfirma) YPF machen die Kritik am Fracking lächerlich. Sie verweigern jede Diskussion. Wenn sie doch darüber sprechen, dann nur über das, was auf der Erd-Oberfläche passiert, wenn die Häuser einstürzen. Aber sie verschweigen die Konsequenzen dieser Beben auf das unterirdische Rohr-System.“

Der größte Teil von Vaca Muerta liegt in der Provinz Neuquén, der Rest in Rio Negro und im Süden Mendozas. Bereits 2009 wurde Fracking bei den ersten Explorationsbohrungen eingesetzt, im großen Stil begann Fracking 2018/ 2019. Seit gefrackt wird, werden die Dörfer von Erdbeben erschüttert, sagt Javier Grosso von der Universität Neuquén. In den Medien steht: „Erneute Erdstöße in Sauzal Bonito“. Sie fragen nicht nach den Ursachen und warum früher dort keine Erdbewegungen registriert wurden.

Als es immer häufiger bebte, begann Professor Javier Grosso, die Daten mit den Aktivitäten der Erdölfirmen zu vergleichen: „Auffällig ist, dass das erste Erdbeben in Vaca Muerta im November 2015 registriert wurde, mit 4,5 Grad auf der Richterskala, ein starkes Beben. In den Monaten danach blieb es relativ ruhig, aber ab 2018/ 2019 bebte die Erde immer mehr. Die Stärke blieb etwa gleich, im Durchschnitt zwischen 2,5 und 3,5 Grad. Aber die Beben wurden häufiger, je mehr in den Fördergebieten gefrackt wurde.“

Fracking ist die unkonventionelle Gewinnung von Kohlenwasserstoffen, die aus dem Gestein herausgebrochen werden. Riesige Mengen Sand, Wasser und Chemikalien werden dabei mit großem Druck eingespritzt, damit der im Fels versteckte Rohstoff entweichen kann.

Die nicht-konventionellen Bohrlöcher von Vaca Muerta sind zwischen 3000 und 6000 Meter tief, die vertikalen Bohrungen, von der die horizontalen Abschnitte ausgehen, bis zu 4000 Meter; sie werden immer länger. Anfangs waren sie 100 Meter lang, dann 500 Meter. ExxonMobil hat eine mit einer Länge von 3800 Metern. In diesen horizontalen Stollen wird gefrackt, das Gestein aufgebrochen. Von einem vertikalen Bohrloch können bis zu 60 horizontale Abschnitte abgehen.
Grosso

Das Wasser kann nicht wiederverwertet werden sondern wird dem Wasserkreislauf unwiderruflich entzogen. „Was fiel den Ölfirmen und den Behörden, die dieses Vorgehen genehmigen, dazu ein? Es in unterirdischen Auffangbecken zu lagern. So wird aus dem Untergrund von Vaca Muerta ein riesiger Teppich, unter dem der Müll, einschließlich des benutzten Wassers, versteckt wird.“

In Vaca Muerta hat es von 2018 bis heute 150 Erdbeben gegeben, allein an einem Tag in Sauzal Bonito 38 Erdstöße.

Das nationale Erdbeben-Institut Inpres in San Juan soll Erdbewegungen registrieren. Die über 2,5 Grad auf der Erdbebenskala veröffentlicht es auf seiner Homepage. Doch als Professor Grosso den kompletten Datensatz einsehen wollte, hieß es: Geheimhaltung. Grosso muss auf ausländische, vor allem chilenische Wissenschaftsdienste zurückgreifen. „Allein im Dezember stellten die Chilenen neun Erdbeben nördlich von Añelo fest“, so Grosso. „Von diesen 9 Beben hatten 6 eine Intensität von 2,5. Inpres hat nur eines von diesen 9 bekannt gemacht.“

Der Direktor des Nationalen Erdbeben-Instituts streitet den Zusammenhang zwischen Fracking und den Beben nicht ab. Doch die Schäden in der Fracking-Region seien nicht auf die Aktivitäten der Erdölfirmen zurückzuführen, behauptet Alejandro Giuliano mir gegenüber im Interview. „Die Leute nutzen die Situation aus.“ Vaca Muerta sei nicht zu stoppen, da es wirtschaftlich zu wichtig sei. Warum er den Universitäten und der Öffentlichkeit die Informationen über die registrierten Beben verweigert? Er sei an den Geheimhaltungs-Vertrag mit der Provinzregierung gebunden. Ich habe ihm die Analysen von Professor Grosso vorgelegt und gefragt ihn, warum Inpres nicht alle seismischen Vorkommnisse veröffentlicht. „Wir haben dort nur 2 Messstationen. Wir können den Süden des Landes nicht besser abdecken. Wir sollen jetzt weitere 26 Stationen erhalten.“

Die neuen 26 Messstationen – falls sie wirklich jemals nach Vaca Muerta gelangen – werden nicht von der Regierung bezahlt, sondern ausgerechnet vom Verband der Erdöl-Industrie in Buenos Aires, dem IAPG. Der Lobby-Verband bestätigte mir gegenüber dies, bestritt aber den Zusammenhang zwischen den Erdbeben und dem Fracking. Zu einem Interview war man nicht bereit.