Wirtschaftsaussichten für Südamerika im Jahr 2019

René Fuchslocher.

 
 
 

Wie wird sich die Wirtschaft Südamerikas entwickeln? Welche Auswirkungen hat der Handelsstreit zwischen den USA und China auf Südamerika? Die Freie Welt sprach mit René Fuchslocher über die Wirtschaftsaussichten für Südamerika im Jahr 2019.

Freie Welt: Herr Fuchslocher, vor welchen Herausforderungen steht die südamerikanische Wirtschaft in diesem Jahr?

René Fuchslocher: Das größte Risiko für die Wirtschaft von Südamerika im Jahr 2019 ist eine deutliche Reduzierung der Fremdfinanzierung. Dies ist die Warnung der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (ECLAC) in einem weltwirtschaftlichen Szenario mit geringerem Wachstum sowohl in Industrieländern als auch in Schwellenländern.

Wie die Agentur in ihrem jüngsten „Vorläufige Übersicht über die Volkswirtschaften Lateinamerikas und der Karibik“ erklärt, volatile Finanzmärkte und eine Abschwächung des globalen Handels sind eine Quelle von Unsicherheit, die wie ein Gespenst dem Subkontinent verfolgt.

Und da im Jahr 2018 die lokalen Währungen gegenüber dem Dollar abgewertet waren, während das Risiko den südamerikanischen Ländern gestiegen ist, wird dieses Jahr nicht besonders gut sein. Tatsächlich wird die Region nach Schätzungen von der ECLAC im nächsten Jahr nur um 1,4% wachsen. Im Gegensatz dazu schätzt der Internationalen Währungsfonds (IWF), dass die Weltwirtschaft als Ganze um 3,7% im Jahr 2019 wachsen wird.

Freie Welt: Betrifft das alle südamerikanischen Länder gleichermaßen?

René Fuchslocher: Nein, die Situation wird nicht alle südamerikanischen Länder in gleicher Weise betreffen.

Für die ECLAC werden zwei Länder in der Region ein negatives Wachstum verzeichnen: Venezuela (-10%) und Argentinien (-1,8%).

Die venezolanische Wirtschaft wächst seit Jahren aufgrund der allen bekannte politische Krise negativ. Argentinien seinerseits musste im September 2018 die Rettung des Internationalen Währungsfonds beantragen, und die Regierung von Mauricio Macri musste sich dazu verpflichten, die öffentliche Ausgaben weiter zu senken, um das Haushaltsdefizit zu erniedrigen, was jedoch die Produktion abkühlt und das Wachstum verringert.

Die Länder mit der größten wirtschaftlichen Expansion im Jahr 2019 werden hingegen Bolivien (4,3%) und Paraguay (4,2%) sein. Dann kommen Peru (3,6%) und Chile (3,3%).

Freie Welt: Ihr Land, Chile, zeichnet sich immer unter seinen Nachbarn aus. Befürchten Sie diese Zahlen?

René Fuchslocher: Die chilenische Wirtschaft wird ein schwierigeres Jahr haben, was zum Teil auf die Handelsspannungen zwischen China und den Vereinigten Staaten zurückzuführen ist. Tatsächlich hat der Streit zwischen Washington und Peking den Kupferpreis beeinflusst, von dem Chile der größte globale Produzent ist, während er die Preise für Brennstoffe erhöht hat, von denen Chile stark abhängig ist.

In seiner jährlichen Rede vor dem Kongress am 1. Juni erklärte Präsident Sebastián Piñera, dass Chile nicht in der Lage sein wird, eine Expansion zu verzeichnen, die mit den 4% aus dem Jahr 2018 vergleichbar ist, aber sollte doch eine bessere Leistung als der Weltdurchschnitt erbringen.

Im Hinblick auf die Wettbewerbsfähigkeit bleibt Chile jedoch das „Wunderkind“ auf südamerikanischer Ebene, zumindest in der globalen Liste, die vom renommierten International Institute for Management Development (IMD) erstellt wurde. Das Ranking umfasst die Analyse von sieben Ländern in Südamerika, in denen Chile (Rang 42) am wettbewerbsfähigsten ist, gefolgt von Kolumbien (52), Peru (55), Brasilien (59), Argentinien (61) und Venezuela (63).

Die Studie dieses schweizerischen Instituts zeigt, dass die Befragten in Chile die Stabilität der Politik, ein wirtschaftsfreundliches Umfeld und einen wirksamen rechtlichen Rahmen schätzen. Der Bericht warnt in der Zukunft davor, dass das Land vor Herausforderungen wie der Korrektur von Renten-, Gesundheits- und Steuersystemen sowie der Verbesserung der Produktivität, dem Abbau von Bürokratie und der Ausweitung von Forschungs- und Entwicklungsprojekten steht. Das heißt, es gibt noch einen wichtigen Spielraum für ein weiteres Wachstum.