Südamerika: Ringen um Stabilität

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In Südamerika gibt es viele Krisen. Dabei werden die Erfolgsgeschichten des Kontinents oft übersehen. Viele Unternehmen zieht es eher nach Asien.

Ein Blick in Richtung Heimat ist für den argentinischen Unternehmer Santiago Farfan aus Berlin immer auch mit etwas Sorge verbunden. Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2001, die das Land an den Rand des Staatsbankrotts führte, hangelte sich Argentinien immer wieder an tiefen Abgründen entlang. 2018 war wieder so ein Jahr. Die Wirtschaft stürzte in die Rezession und die Landeswährung Peso stürzte ab. Der Internationale Währungsfonds (IWF) kam mit einer erweiterten Kreditlinie zu Hilfe. Das Gröbste scheint vorerst überstanden zu sein. Aber mit der Präsidentschaftswahl im Herbst droht neues Ungemach. Üblicherweise drückt der ungewisse Wahlausgang den Wechselkurs.

Doch auch die jüngsten Probleme wird das Land meistern, glaubt Unternehmer Farfan. Er stützt seinen Optimismus auf den liberalen Wirtschaftskurs der konservativen Regierung, die seit drei Jahren die Geschäfte führt. „Die Wirtschaft geht zuversichtlicher mit den Risiken um, als sie das vor ein paar Jahren getan hätte. Die Aufhebung der Kapitalkontrollen, die Liberalisierung des Wechselkurses und die Stabilisierung staatlicher Institutionen wie der Justiz haben sich insgesamt sehr positiv ausgewirkt“, sagt der 38-Jährige, dessen Familie im Nordosten des Landes große Anbauflächen an Sojabauern vermietet. Nicht alle Argentinier teilen diese Ansicht. Viele wollen zurückkehren auf den Linkskurs der Sozialisten.

In Lateinamerika ist man das Auf und Ab im ewigen Ringen um politische und wirtschaftliche Stabilität längst gewöhnt. Das gilt auch für viele deutsche Firmen, die sich entweder auf dem Kontinent niedergelassen haben oder regen geschäftlichen Austausch dorthin pflegen. „Die Volatilität in diesen Märkten ist immer schon sehr hoch. Da läuft es fünf Jahre gut, und dann läuft es drei Jahre richtig schlecht, und niemand war in der Lage, das vorherzusehen. Aber Firmen, die dort hingehen, wissen, dass so etwas passieren kann, und können damit auch umgehen“, sagt Mark Heinzel, Leiter des Referats Nord- und Lateinamerika beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Er kennt den Kontinent seit vielen Jahren, und nach seinem Geschmack könnte es „noch mehr deutsche Unternehmen in Südamerika geben“. Große Vorkommnisse von Eisenerz, Kupfer, Silber oder Rohöl und die Landwirtschaft bieten Möglichkeiten. Inzwischen aber zieht es viele Firmen nach Asien, weil dort die Konjunkturaussichten besser sind und der Absatzmarkt größer ist. Ein massiver Ausbau der Infrastruktur verringert in Asien zudem die Transportkosten.

Hinzu kommen politische Krisen und Machtkämpfe wie in Venezuela, wo die Hyperinflation bereits Millionen von Menschen in die Armut stürzte und die Reputation des Kontinents in Mitleidenschaft gezogen wird. Die Konjunktur brach ein. Die Mittelklasse verlor große Teile ihres Vermögens. Einige deutsche Firmen schlossen den Standort. Andere versetzten ihre Niederlassungen in eine Art Winterschlaf. Viele Venezolaner flüchteten ins Nachbarland Kolumbien, das sich wirtschaftlich gesund entwickelt hat. Hunderttausende Geflohene belasten jetzt Kolumbiens Sozialsysteme und befeuern die Sorge um mögliche Konsequenzen für die dortige Wirtschaft.

Auch die Flüchtlingsbewegungen aus Mittelamerika in Richtung USA beschäftigen ausländische Investoren. „Die deutschen Unternehmen, die in den Staaten Mittelamerikas aktiv sind, nehmen die durch Migration in die USA verursachte Instabilität durchaus wahr“, sagt Heinzel. Doch weil die Staaten der Region wirtschaftspolitisch gegensteuerten, blieben sie trotzdem attraktiv für Investoren. Die Zollunion von Guatemala, El Salvador und Honduras zielt seit 2017 darauf, die Binnenwirtschaft nachhaltig anzukurbeln. Mittelfristig sollen sich weitere Länder der Region dieser Zollunion anschließen.

Fragezeichen begleiten zurzeit auch die Entwicklung in Brasilien, wo der Rechtspopulist Jair Bolsonaro im Januar seine Präsidentschaft antrat. Die Talsohle der dortigen Wirtschaftskrise wurde vor zwei Jahren zwar durchschritten, aber die Wunden sind noch nicht verheilt. Viele Brasilianer haben Schulden angehäuft. Die Konsumenten im Land sind zurückhaltend und verlangsamen die konjunkturelle Erholung.