Millionen Venezolaner kämpfen für Freiheit


 
 
 

Schon die Einreise über den Landweg ist ein kleines Abenteuer: Von den acht Plätzen im Raum der venezolanischen Migrationsbehörde in San Antonio ist nur einer besetzt. Dort wartet ein grimmiger Beamter, der erst einmal mit dem Reisepass verschwindet. Ein Deutscher, der einreisen will. Das muss der Vorgesetzte entscheiden. Nach ein paar Minuten kommt er zurück und gibt grünes Licht. Das nächste Problem: Wie nach San Cristobal, in die Oppositionshochburg, kommen? Das Transportsystem ist nahezu zusammengebrochen. Im ölreichsten Land der Welt gibt es keinen Sprit. Dafür unzählige Autos mit Riesentanks, die offenbar das Benzin über die Grenze nach Kolumbien schmuggeln, um es dort zu verkaufen.

Öl ist die einzige nennenswerte Einnahmequelle Venezuelas. Das 31 Millionen-Einwohner-Land hat sich bei Russland und China verschuldet und muss nun Milliardenkredite mit Öl begleichen. Die Amerikaner, die mit harten Dollars zahlen, wollen künftig das Geld mehr an Nicolas Maduro überweisen, sondern an Interimspräsident Juan Guaido.

Ein Fahrer ist bereit, den Transport nach San Cristobal zu übernehmen – für kolumbianische Pesos, nicht für venezolanische Bolivar. Die Venezolaner haben das Vertrauen in ihre Währung angesichts einer Hyperinflation von mehr als 10 000 Prozent im Jahr 2018 komplett verloren. Fast alles unweit der venezolanischen Grenze wird in Pesos abgerechnet. Es ist die inoffiziell akzeptierte Parallelwährung, deswegen ist die Versorgungslage im Grenzstädtchen San Antonio auch besser als im Landesinneren.

Übernachten im Auto

Bei freier Strecke dauert die Fahrt nach San Cristobal etwa 60 Minuten. Aber die Strecke ist nicht frei. Alle paar Kilometer gibt es Kontrollen. Mal sind es Drogenfahnder, mal die Nationalgarde, mal Sonderermittler, mal die Polizei. Dann heißt es: raus aus dem Auto, Pass und Rücksack vorzeigen, den Kofferraum öffnen. „Reine Schikane ist das, weil wir hier gegen die Regierung sind“, sagt Fahrer Arturo, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will.

Es geht vorbei an verwaisten, mit Gittern versperrten Tankstellen des staatlichen Ölkonzerns PDVSA. Preistafeln gibt es nicht, denn die venezolanische Regierung verschenkt den Sprit an ihre Bevölkerung – eine Tankfüllung für umgerechnet nicht mal einen Euro. Ökonomischer Irrsinn, der ideologisch begründet wird: Das venezolanische Öl gehört den Venezolanern. Nur, dass die den Sprit sofort unter der Hand weiterverkaufen.

Fast alle Tankstellen an diesem Tag sind außer Betrieb. An der einzigen Zapfsäule, an der es in San Cristobal Sprit gibt, wartet eine mehr als vier Kilometer lange Schlange. Einige übernachten sogar im Auto. Niemand will einen guten Platz aufgeben, denn es ist unsicher, wann der nächste PDVSA-Tankwagen mit Nachschub kommt.

Die Opposition in San Cristobal ist gut organisiert. Es gibt Whatsapp-Gruppen, die über die nächste Demo informieren, die vor Polizeisperren warnen oder Verhaltenstipps bei einer Festnahme geben. Am 23. Januar, dem Tag, an dem Parlamentspräsident Juan Guaido (35) zum Interimspräsidenten ausgerufen wurde, gingen hier Zehntausende auf die Straßen, um sich hinter den jungen Ingenieur zu stellen. Wie im ganzen Land. Wie in Caracas, in Maracaibo, in Maracay. Guaido macht den Menschen, die nicht mit dem Regime Maduro sympathisieren, Hoffnung. Er bündelt die Kräfte einer enthaupteten Opposition.

Tage der Entscheidung

Maduro hat über Jahre hinweg viele Rivalen ausgebootet. Der ehemalige Präsidentschaftskandidat Henrique Capriles und die populäre Abgeordnete Maria Corina Machado: Berufsverbot. Der ehemalige Bürgermeister von Caracas Antonio Ledezma: im Exil. Der populäre und potenzielle Präsidentschaftskandidat Leopoldo Lopez: nach Haft unter Hausarrest. Ex-Parlamentsparlament Julio Borges: im Exil. Bei der Präsidentschaftswahl 2018 trat Maduro gegen den chancenlosen Kandidaten Henri Falcon an, der ohnehin als Marionette der Sozialisten galt.

Deswegen erkennt die Opposition, die bei den letzten wirklich freien Wahlen 2015 eine haushohe Mehrheit im Parlament einfuhr, die zweite Amtszeit Maduros, die am 10. Januar begann, nicht an. Die Verfassung sehe dann einen Interimspräsidenten vor, der Neuwahlen organisiert, argumentiert sie und hat den erst am 5. Januar zum Parlamentspräsidenten gewählten Guaido zum Interims-Präsidenten berufen.

Der saugt nun die Zustimmung der Venezolaner wie ein Schwamm auf. Innerhalb weniger Stunden verdoppelte sich seine Follower-Zahl bei Twitter auf fast eine Million. Weltweit rufen Exil-Venezolaner zu seiner Unterstützung auf. Für den heutigen Mittwoch und für Samstag will Guaido die Venezolaner wieder auf die Straße holen.

Doch demonstrieren ist in Venezuela lebensgefährlich. Wie gefährlich, zeigt die Trauerfeier für den erschossenen Studenten Luigi Guerreo in der Universität de los Andes. Hunderte Studenten sind in die Aula gekommen, um sich von ihrem Kommilitonen zu verabschieden. Abwechselnd nehmen sie Aufstellung am Sarg Luigis. Es wird geweint, viel geweint an diesem Nachmittag.

Auch Luigi war am 23. Januar auf den Straßen, zum ersten Mal in seinem Leben hat er demonstriert, berichtet die Lokalzeitung. Er hatte nicht mehr dabei als eine Mandarine und eine Wasserflasche. Plötzlich kamen die gefürchteten „Colectivos“, die paramilitärischen Banden Maduros. Sie kommen oft aus dem Nichts, bewaffnet, vermummt und auf Motorrädern. Dann schießen sie in die Menge und verschwinden wieder. Die Studenten der Universität berichten, einige von ihnen hätten einen kubanischen Akzent gehabt. „Luigi ist dreimal von Schüssen der Colectivos getroffen worden und war sofort tot“, berichtet Kevin Ibarra, der an dem Tag mit Luigi demonstrieren war im Gespräch mit dieser Zeitung. „Die Co­lectivos wollen Angst verbreiten, damit die Leute, besonders die Studenten, schweigen.“

Luigis Onkel Alexander Ovalle ist am Boden zerstört: „Luigi war niemals gewaltätig, es war seine erste Demonstration. Er wollte nur das, was seine Kommilitonen auch wollten. Den Wunsch nach Freiheit ausdrücken.“ 35 Tote und 850 Verhaftungen soll es laut Nicht-Regierungsorganisationen gegeben haben, seit der Machtkampf in Venezuela tobt.

Trotzdem wollen sie in San Cristobal heute wieder auf die Straße gehen. Das Ringen um die Macht im Land ist überall spürbar. Präsident Maduro zeigt sich an der Seite der Armee, als Oberbefehlshaber, als Kommandant mit Zugriff auf das Waffenarsenal, Juan Guaido an der Seite großer Teile des Volkes, bei so genannten Bürgerversammlungen, zu ­denen Zehntausende kommen.

Der Kampf um die Macht setzt sich auf internationaler Ebene fort. China und Russland stehen auf der Seite Maduros, die USA und weite Teile der EU auf Seiten Guaidos. Zwei Szenarien sind denkbar: Maduro setzt alles daran, an der Macht zu bleiben – und nimmt noch mehr Tote in Kauf. Ein Bürgerkrieg wäre die Folge. Oder aber der Druck von Millionen Venezolanern zeigt Wirkung. Auch aus der lateinamerikanischen Linken gibt es „Friedensappelle“. Deren Autoritäten wie Uruguays Ex-Präsident und Ex-Guerillero Jose „Pepe“ Mujica oder Mexikos neuer Präsident Andres Manuel Lopez Obrador drängen auf Verhandlungen. Der Uruguayer, einst Widerstandskämpfer gegen eine rechte Militärdiktatur, fordert Neuwahlen unter strenger UN-Aufsicht. Auch Venezuelas treuester Partner, Boliviens Präsident Evo Morales, spricht sich für eine „pazifistische Lösung“ aus.

Venezuela steht vor entscheidenden Tagen. Es ist zu befürchten, dass Student Luigi nicht das letzte Opfer dieses Machtkampfes bleiben wird.